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600.000

(Veröffentlicht in: "10 + 5 = Gott", DuMont Verlag, 2004)


Vor 3316 Jahren wanderten 600.000 israelische Männer mit ihren Frauen, Töchtern und Söhnen, auf der Suche nach einer neuen Heimat, aus Ägypten ostwärts durch die Sinai-Halbinsel und benötigten dafür 40 Jahre. Seitdem steht eine Ansammlung von 600.000 Menschen symbolisch für das Volk Israels, und damit auch für einen Zustand der uneingeschränkten Öffentlichkeit und der Allgemeinheit. Eigentlich ist die Zahl 600.000 eine kleine biblische Ungenauigkeit. Im ersten Kapitel des (mit „Numeri“ sehr treffend benannten) vierten Buchs Moses werden die Zahlen der Angehörigen der zwölf Stämme minutiös und etwas pedantisch aufgezählt: 46500 + 59300 + 45650 + 74600 + 45400 + 57400 + 40500 + 32200 + 35400 + 62700 + 41500 + 53500 = 603.550. Jenes Ergebnis wird auch im Anschluss an die Aufzählung als Summe genannt. Dennoch werden in der Bibel und im Talmud beide Zahlen, vermehrt aber die abgerundete (vermutlich ungenaue) Zahl von 600.000 zitiert.


Die Wüstenwanderung ist ein klassischer Fall von „liminal period“, eine nach dem amerikanischen Anthropologen Victor Turner definierte „Übergangszeit“, die meist an einem abgeschiedenen Ort verbracht wird um von einem gesellschaftlichen Zustand zu einem anderen zu wechseln. Die Dauer von vierzig Jahren hatte den entscheidenden Vorteil, dass die erwachsene Generation, die die Wanderung begann, die Ankunft im gelobten Land nicht mehr miterlebte, und somit eine unbelastete junge Gesellschaft ein neues Leben, ohne die Erfahrung der Versklavung, aufbauen konnte. Während dieser Übergangszeit formt sich aus einer Ansammlung von Stämmen und Einzelpersonen das jüdische Volk, erhält die Gebote und baut das Stiftszelt, den transportablen Vorgänger des Jerusalemer Tempels. Aus diesem Grund wird der ursprüngliche Zustand der sich formierenden Gesellschaft, d.h. die Anzahl der konstituierenden Personen, zu einem wichtigen Aspekt. Ebenfalls seit dem Auszug aus Ägypten und der Wanderung durch die Wüste unterscheidet das Judentum zwei wesentliche Erscheinungsformen von Raum: den umschlossenen, privaten, bekannten Ort der Heimat und der grenzenlose, unbekannte, öffentliche Raum der Wüste, der in jenem Augenblick durch die 600.000 Israelis durchwandert wird. Da die Zahl 600.000 für die Gesamtheit des israelischen Volkes steht, kann diese Zahl von nun an, als Schablone oder Lackmus-Test auf verschiedene Fälle angewendet werden in denen es um die Aspekte von Allgemeinheit und Öffentlichkeit gegenüber dem Persönlichen und Privaten geht. Beispielsweise wird im Talmud-Traktat Qiddushin erzählt, dass für die Herstellung des Umhangs vom Hohepriester bestimmte Edelsteine gekauft werden sollten. Der Preis für diese Edelsteine sollte 600.000 Denaren betragen, so dass das gesamte israelische Volk an dem Umhang beteiligt war. Die Zahl 600.000 ist das Gegenstück zur griechischen Agora: während diese einen bestimmten, geographischen fest definierten, öffentlichen Ort als „Bürgerforum“ in der antiken Stadt darstellt, der von der Bevölkerung durchlaufen und genutzt werden kann und über den sich die antike Demokratie definiert, ist die Zahl von 600.000 Menschen eine Öffentlichkeit, die losgelöst von einem bestimmten geographischen Raum eine Funktion von Volk und Allgemeinheit ausüben kann.


Das Gebot Gottes an das, durch die Wüste wandernde Volk von 600.000 Israeliten, am siebten Tage (Sabbath) seinen Ort nicht zu verlassen, und die Unterscheidung zwischen einem privaten, bekannten Ort und einem öffentlichen, grenzenlosen Raum, führte zum Konzept des Eruvs. Durch eine symbolische Grenzziehung, beispielsweise um eine Stadt oder einen Stadtteil herum – der Eruv – wird ein bestimmter, heimischer und genau definierter Ort erzeugt, innerhalb dessen man als orthodoxer Jude eine größere Bewegungsfreiheit genießt. Diese Praxis des Eruvs ist, trotz ihres Alters, immer noch zeitgenössisch und wird weiterhin angewandt, so beispielsweise kürzlich in London. Seit den frühen 90er Jahren wurde an der Errichtung eines solchen Eruvs im Norden Londons geplant, der „typisch jüdische“ Stadtviertel wie Golders Green umschließen sollte. Die Grenze des Eruvs wurde anhand von demografischen Faktoren und topografischen Aspekten wie Brücken, Zäunen, Mauern und Eisenbahntrassen festgelegt.


Durch dieses geplante Gebiet in London führte allerdings auch die Motorway M1, jene Autobahn, die London mit den nördlichen Landesteilen und Städten wie Nottingham und Manchester verbindet. Bei der Planung des Eruvs drängte sich die Frage auf, ob an einem typischen Samstag 600.000 Menschen (oder ca. 400.000 Autos bei einer durchschnittlichen Belegung von 1.5 Personen pro Auto) auf der M1 fahren. Wäre dies der Fall, dann würde – welche wunderbarer talmudischer Widerspruch – die vollgestopfte, betonierte Autobahn nach den Regeln des Talmuds zur grenzenlosen Wüste mit dem durchwandernden israelitischen Volk werden und der Zustand vom Auszug aus Ägypten wäre auf den Londoner Straßen wieder hergestellt. Ein Eruv in den geplanten Grenzen wäre somit unmöglich, da der Eruv ein Gebiet einschließen würde, das charakteristisch für ein Gebiet der Allgemeinheit, der Öffentlichkeit und der Wüste stehen würde und damit der Eigenschaft des Eruvs widersprechen würde.


Das ganze Volk Israels wird zu 400.000 Autos auf der M1 Motorway, die in einer aufwendigen Analyse gezählt werden müssen. 400.000 Autos am Tag ergeben durchschnittlich 278 Autos pro Minute. Nach genauer Zählung kam man zum Schluss, dass diese Verkehrsdichte nicht erreicht wird und der „Sicherheitsabstand“ an einem normalen Samstag hoch genug ist, um sicherzustellen dass auf der Autobahn keine Situation erreicht wird, die mit dem Exodus identisch ist. Der Eruv in Nord-London konnte errichtet werden.

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