ZWISCHEN WÜSTE UND STADT:
Bau des Nord-London Eruv
Manuel Herz und Eyal Weizman
(Veröffentlicht in: Jüdischer Almanach 2002, Suhrkamp Verlag 2002, und in AA Files #34, 1998)
Ein Vorort im Norden Londons scheint von einem bizarren Irrsinn ergriffen worden zu sein, begleitet von den Prophezeiungen offener Schlachten im Hempstead Heath und Warnungen vor einer ethnischen Spaltung im Bosnien-Stil.
Unter all den Anträgen, die 1991 der Planungsabteilung im Londoner Bezirk Barnet vorgelegt wurden, ragte einer besonders heraus. Er schlug die Errichtung von annähernd 30 flToren’ vor, die aus je einem Paar Stahlpfosten bestehen und mit einer Angelschnur verbunden werden sollten. Über Straßenkreuzungen und zwischen Wänden und Zäunen angebracht, würden diese Tore die Lücken in einer fortlaufenden Grenze innerhalb Barnets schließen.
Der Antrag wurde von der United Synagogue im Namen der orthodoxen jüdischen Gemeinde von Barnet gestellt. Innerhalb der markierten Grenze - dem Eruv (der hebräische Ausdruck für mischen oder verschmelzen) - wären verschiedene Gebiete, private oder öffentliche, am Sabbat vermischt. Alle Räume würden verschmelzen, um einen privaten Raum in der Größe einer Kleinstadt zu schaffen und den orthodoxen Juden erlauben, sich innerhalb dieses Areals frei zu bewegen und Gegenstände zu tragen. Aktivitäten, die anderenfalls an diesem Tag eingeschränkt wären.
Im September 1988 lud der Rabbiner der Ner Jisraël Gemeinde von Nord-London, Allen Kimche, den Rabbiner Eider, ein Talmud-Experte aus New York und internationale Autorität in Eruvim, ein, damit dieser ihm helfe, einen Plan für einen Eruv zu gestalten, der an die spezifischen Bedingungen der nördlichen Vorstädte Londons angepasst wäre. Gemeinsam durchwanderten und erkundeten sie die Strassen von Barnet, bis sie eine Grenze für den Eruv festgelegt hatten, der ein Gebiet von fast 17 km2 umfasst, einschließlich London NW4 und NW11 - Hendon, Golders Green und Hampstead Garden Suburb.
Die Ratsversammlung von Barnet hatte keine Erfahrung, wie mit einer so außergewöhnlichen Anfrage umgegangen werden sollte. Die erste Frage, die aufkam war ob eine solche Konstruktion überhaupt eine Baugenehmigung erforderte. Der Eruv fiel in keine der üblichen Baukategorien: Für ihn musste kein Land erworben werden, und es war kein Anschluss an die Infrastruktur nötig, da die Grenze rein symbolischer Natur war. Nichtsdestotrotz wurde schließlich beschlossen, dass eine Baugenehmigung erforderlich war.
Als der Antrag auf Baugenehmigung für den Eruv veröffentlicht wurde, löste dies eine Flutwelle von Aktivitäten aus. Anti-Eruv-Gruppen wurden gebildet, Pro-Eruv-Gruppen folgten sehr schnell. In einer ausgedehnten Kampagne wurden Anwälte angeheuert, Petitionen gesammelt, Briefe geschrieben. Sie gipfelte in einer Demonstration, die vor dem Rathaus von Barnet zur Unterstützung der Errichtung des Eruvs stattfand. Die Realität, mit der sich der Eruv befassen musste, erwies sich als komplexer als die bloße Angleichung eines talmudischen Konzeptes, um den materiellen Bedingungen der Stadt zu entsprechen. Die heftigen Reaktionen vonseiten vieler verschiedener Gruppen in Nordwest-London war beispiellos. Um die Kontroverse um den geplanten Eruv zu verstehen, muss seine theologische Grundlage untersucht werden.
Die Wüste ist ihre eigene Trennung wenn sie zum Ort wird; die Offenheit des Ortes.
Zwei Hauptmodelle von Raum sind im Talmud und früher noch in der Bibel impliziert: die Stadt und die Wüste. Sie repräsentieren die beiden Pole der Existenz, welche die geografische Matrix der jüdischen Geschichte definieren: Königreich und Ortslosigkeit. Zwischen den beiden vermittelnd, schafft der Eruv ein System, das ihnen eine gemeinsame urbane Form und Beschaffenheit gibt.
Die Wüste, der äußerste Zustand der Ortlosigkeit, wird zu einer vereinigenden Bedingung, die zum Streben nach einem Ort und nach Stabilität führt. Eine Ansammlung von Stämmen, die vor der Sklaverei in Ägypten flieht und auf dem Weg zu ihrem flgelobten Land’ ist, wird durch einen Kodex von Gesetzen und Geboten, die Thora, in eine Nation umgewandelt.
Ortslosigkeit wurde als ein vorübergehender und vorbereitender Zustand im Prozess der Wandlung der nomadischen Stämme in eine Nation von Siedlern gesehen. Die Gesetze der Thora waren in der Wüste entstanden, verlangten aber einen anderen Zustand Besiedelung und Stabilität. Paradoxerweise taucht die Frage, was einen Ort definiert, in der Bibel zum ersten Mal in der Beschreibung des Auszugs aus Ägypten und der Flucht durch die Wüste Sinai auf. Innerhalb des jüdischen Rechtssystems waren Gesetze immer an Orte gebunden; in der Wüste mussten sie sich auf Orte beziehen, die noch unerreichbar waren.
(Heb. Originaltext)
(…; bleibet jeglicher an seinem Ort, gehe keiner von seiner Stelle am siebenten Tage.) EXODUS 16:29
Des Nomaden Raum flsein Ort’- ist nicht an eine bestimmte Örtlichkeit gebunden. Folglich musste der Begriff des Ortes von einer festen geografischen Definition abgetrennt werden und wurde zu einer beweglichen Einheit. Der Eruv ist ein Mittel, um so einen abstrakten Begriff von Raum zu schaffen, von Raum, der entfaltet werden kann, wo immer er gebraucht wird tragbarer, dynamischer und privater Raum.
Nach der Besiedelung wurde der Tempel, der in Jerusalem gebaut worden war, zum Brennpunkt der jüdischen Nation, um den sich ihr gesamtes religiöses Leben entwickelte. Der Tempel bringt die Bedeutsamkeit der Architektur als ein Mittel zur Einigung einer Nation zum Ausdruck. Er wurde das jüdische Symbol für Besiedelung und urbanes Leben.
Im Jahre 70 n. Chr., nach vier Jahren jüdischer Aufstände gegen das Römische Reich, wurde der Tempel niedergerissen und Jerusalem ging in Flammen auf. Im Jahre 135 n. Chr. wurde den Juden der Zugang zur Stadt verweigert. Der wichtigste flOrt’, Fokuspunkt jüdischen Lebens, war vernichtet worden und die Nation fand sich selbst wieder in der Ortlosigkeit der Wüste. Die Diaspora hatte begonnen: Die flWelt [war] am Ende einer alten und lange etablierten Ordnung und am Anfang einer Ära, die ohne Beispiel war, ohne Bezugspunkte und ohne Orientierung … In dem Zeitalter nach der Katastrophe ist das Problem eine Welt, die vom Kurs abgekommen ist, wieder zu ordnen und in eine neue Bahn zu lenken.’ Ihre materielle Kultur in Trümmern sehend formulierten jüdische Denker einen neuen, reformierten Gesetzeskodex, und versuchten so, die Ausübung eines jüdischen Glaubens, der auf eine idealistische Vision von der Zukunft ausgerichtet war, wiederzubeleben die Wiederaneignung des 'Ortes'.
Der erste Teil des Talmud, die Mischna, ist ein Gesetzeskodex aus der Zeit um 200 n.Chr., der aus den zwei Jahrhunderte zurückreichenden Gesetzestraditionen zusammen gesetzt wurde. Wieder hatte der Zustand der Ortlosigkeit eine Anzahl von Gesetzen hervorgebracht, die mit den Bedürfnissen der Menschen unvereinbar waren. Die Rabbiner der Mischna befürworteten Stabilität und Beständigkeit für ein Volk, das der Mittel dazu entbehrte.
Diese Vision, zusammengesetzte aus Fragmenten der Realität, versuchte eine Gesamtheit und Zusammengehörigkeit des Volkes wieder aufzubauen, die auf einem Buch, einem Gesetzbuch, basierte. Dem Gesetz wurde einmal mehr die Aufgabe zur nationalen Integration und Vereinigung zugedacht und es ersetzte damit den Tempel als Bezugspunkt. Der Eruv wurde zum Mittel, um den Tempel wieder in konzeptioneller Form zu rekonstruieren, in Städten auf der gesamten Welt. Das jüdische Gesetz schuf für sein Volk einen unsichtbaren und abstrakten Satz von Räumen, die von nichts anderem als Erinnerung bewohnt werden. In der Tat ist der Talmud selbst ein Konstruktion, eine Aufzeichnung von Streitgesprächen und Diskursen zwischen Rabbinern und Schriftgelehrten von verschiedenen Orten und aus verschiedenen Zeiten, die miteinander über Generationen und über Wüsten hinweg sprachen. Neu geformt und wiederbelebt durch immer neue Generationen, wird er zu einer radikalen Versammlung, die mit einer imaginären Debatte beschäftigt ist.
Der Ort ist keineswegs das empirische und nationale Hier eines Territoriums. Er widerstrebt der Erinnerung, und ist somit auch eine Zukunft … das Land hält sich selbst immer jenseits jeder Nähe.
Weil das Wort 'Ort' zuvor nicht definiert worden war, musste ein Regelsatz formuliert werden, um zu bestimmen, was Orte und Bereiche ausmacht. 'Masechet Eruvin', der Talmudtraktat, das dem Eruv gewidmet ist, ist eine ausführliche Abhandlung über ein einziges Wort: 'Ort'. Er definiert und unterscheidet zwischen verschiedenen Bereichen, und setzt die Gesetze fest, die diese betreffen. Die Bereiche sind definiert in Form von Kennzeichnungen, die sich auf die zwei Zustände 'Stadt' und 'Wüste' beziehen. Diese Definitionen ignorieren die Nutzung der Räume und deren Besitzerschaft, sie verlassen sich völlig auf ihre darstellenden Aspekte: ihre Form, Größe sowie die Elemente, die ihre Grenzen bilden.
Ein privater Bereich ist definiert als 'ein geschlossenes Areal, das mit Trennwänden, die nicht weniger als zehn Ellen (etwa vier bis fünf Meter) hoch sind, umgeben ist, oder durch einen Graben mit mindestens zehn Ellen in der Tiefe und vier Ellen in der Breite abgegrenzt ist'. Im Tempel trennte eine zehn Ellen breite Tür das Weltliche vom Heiligen, den öffentlichen Bereich vom privaten. Der Devir war der höchst private Raum, den, einmal im Jahr, allein der Hohepriester betreten durfte.
Ein öffentlicher Bereich ist definiert als 'ein Areal, wie ein öffentlicher Durchgang, das täglich von mehr als 600.000 Menschen besucht wird'. Diese Beschreibung verweist auf die Wüste und die Anzahl der Israeliten, die dort lagerten. Die Stadt auf die Verlagerung der Wüste verweisend ist durch den Eruv am Sabbat in eine Entsprechung des Tempels umgewandelt und somit von einem öffentlichen Bereich in einen privaten. Wenn man das Areal des Eruvs als den Tempel von Jerusalem versteht, dann ist das äußere Areal die Wüste, und die Schreiten in den Eruv hinein ist ein Akt des Wanderns, der in der Aneignung eines Ortes gipfelt.
Die Grenze des Eruvs in Jerusalem umschließt den Originalstandort des Tempels. Hier ist die Abstraktion noch einen Schritt weiter gegangen: der symbolische Raum hat seinen Ursprung eingenommen.
Die poetische Auslegung von Interpretation sucht weder Wahrheit noch Ursprung, sondern bestätigt das Spiel der Auslegung.
Der Eruv benutzt eine Kette von Bezeichnungen, um die Stadt zu einem privaten Raum zu machen. Der ultimative private Raum ist der Devir, das heiligste des Heiligen im Tempel. So ist es nötig, den Tempel über die Stadt zu 'bauen'. Wegen der technischen Schwierigkeiten, dies zu realisieren, wird der Tempel, im Talmud, auf sein Dach reduziert, als ein Zeichen, das den Tempel repräsentiert. Die hier verwendete Methode, ein Dach über die Stadt zu legen, ist es, eine Mauer um sie zu errichten. So nimmt der Eruv seinen Anfang in dem absurden Akt, durch die Errichtung einer Mauer ein Dach über der Stadt zu erschaffen. In jeder Mauer, die einen Raum umgibt, gibt es Öffnungen. In der Darstellung des Daches entsprechen Türöffnungen demzufolge den Wänden: Eine Aneinanderreihung von Türöffnungen repräsentiert eine durchgehende feste Mauer. Die Stadt wiederum ist umschrieben und abgegrenzt durch eine `Mauer, in der Form eines Tores gemacht´, deren Abmessungen denen des Tores zum Devir entsprechen: zehn Ellen hoch und mindestens drei Ellen breit. Auf diese Weise bezeichnet jeder Zugang das Tor, und das Betreten des Eruvs wird zum heiligen Akt. Die Formen der Tore sind der Methode nachempfunden, die zum Bau des Tempels benutzt worden war, nämlich mit zwei Pfosten und einem Querbalken. Die Pfosten und Balken können aus jedem beliebigen Material sowie in beliebiger Stärke hergestellt sein, solange sie in der Lage sind, einem normalen Wind standzuhalten: Eine dünne Schnur, oder ein Nylonpfaden zwischen zwei Pfosten gespannt, ist ausreichend.
Es wird deutlich, dass der "Bau" dieser Grenze sich einer endlosen Kette von Symbolen annähert, die unabhängig von materieller Realisierung funktionieren: vom privaten Ort zum Tempel, vom Tempel zu einem Dach, von einem Dach zu einer Mauer, von einer Mauer zu Toren, von Toren zu der Form einer Tür, von einer Tür zu Pfosten und Balken, von Pfosten und Balken zu einer Schnur. Allein durch Besitz des Schlüssels zur Entzifferung dieser Kette von Symbolen, können wir die Schnur, die über die Kreuzungen in Nordwest-London gespannt ist, in Beziehung setzen zum Jerusalemer Tempel. Jedoch ist diese Kette von Symbolen nicht rein geradlinig; sondern die Symbole verbinden sich mit anderen Elementen innerhalb und außerhalb der Kette. Ein jedes verweist auch auf die ideale Stadt. So wurde eine komplexe Struktur von (Quer)verweisen und eine Vielschichtigkeit von Bedeutungen eingeführt.
Wir sind zuversichtlich, dass der Eruv, einmal eingeführt, geschätzt werden wird von den Leuten, die ihn brauchen, und nicht wahrgenommen werden wird von denen, die ihn nicht brauchen.
Die Hermeneutik, die das System der Symbolik des Eruvs entwickelt, ist ein offener Diskurs. Die Richtlinien im Talmud empfehlen, dass er ein integraler Teil der Stadt und unsichtbar für das ungeübte Auge sein sollte. Der Nord-London Eruv musste sich mit der Logik der Peripherie beschäftigen. Indem sie das vorgesehene Areal genau studiert hatten, versuchten Rabbiner Kimche und Rabbiner Eider Kriterien für dessen Einfügung in die Strassen von Barnet festzulegen. Eine genaue Studie zur Bevölkerungsdichte wurde gemacht, um eine Grenze einzuführen, die so vielen Gläubigen wie möglich zugute kommen würde, ohne den Charakter der Wohngegend zu verändern. Die beiden Rabbiner suchten bestehende Elemente der urbanen Struktur aus, die genutzt werden könnten, um die Grenze darzustellen. Sie untersuchten die planlosen Grenzen und diffusen Strukturen, die das Rohmaterial der Stadt geschaffen hatte. Der Zaun, der entlang der Gleise der Northern Line zwischen East Finchley und Mill Hill verläuft, markierte eine ebenso klare Grenze wie der von der M1 Motorway und von Hampstead Heath. Strassen und Hauptstrassen mit fortlaufender geschlossener Bebauung und wenigen Kreuzungen wurden für weitere Grenzen ausgewählt. Sogar Telefonleitungen, die über Holzpfähle gespannt waren, wurden für akzeptabel befunden. Für einen Tag in der Woche sollten sie die Mauern des Tempels repräsentieren. Der gewählte Umkreis war an einunddreißig Stellen unterbrochen. An ihnen sollten symbolische Toröffnungen aus transparenter Angelschnur die notwendige fortlaufende Grenzmarkierung schaffen. Der Zweck, den Antrag auf ein Minimum zu beschränken, war, sowenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Dennoch erreichten die folgenden Ereignisse und Kontroversen die Ausmaße einer größeren öffentlichen Schlacht.
Die rabbinische Auslegung einer Interpretation ist diejenige, die eine endgültige Wahrheit sucht, die die Auslegung als einen unglücklicherweise notwendigen Weg zurück zu einer ursprünglichen Wahrheit sieht.
Die Definition von Räumen im Talmud ist an deren Morphologie gebunden. Die Formen und Größen von städtischen Elementen bestimmen den Status der Räume, die sie umschließen, und ignorieren die Funktionen, die sie erfüllen sollen. Die Wiedererschaffung eines abstrakten Wesens in der Stadt hängt von der Verfügbarkeit des städtischen Mobiliars ab. Wenn Raum dem Gesetz unterworfen ist, kann die Definition und Bewertung eines Raumes vorübergehend geändert werden, um die Gesetze, die sie lenken, zu ändern. Solch eine Veränderung wird durchgeführt mittels der Einführung bezeichnender Elemente, Signifikanten, und der Bestimmung bestehender physikalischer Elemente als Kennzeichen. Dies schafft eine scheinbar absurde Situation: Die Stadt als ein privater Raum mit urbanen Merkmalen, die Mauern und Türen repräsentieren, und einer Angelschnur, die als Eingang zum Tempel dient. Paradoxerweise sind die Präzision der Gesetze und deren rigorose Anwendung die Quelle ihrer Flexibilität.
Der Eruv verändert symbolisch das Wesen des urbanen Raumes. In dem Maße, wie sich die Definition von Raum verändert und wandelt, so tun es auch die Gesetze, die daran gebunden sind. Der Eruv zeigt deswegen die direkte Verbindung zwischen Gesetz und Raum: Er ist der Punkt in Raum und Zeit, an dem das Gesetz durch eine urbane Intervention übertreten wird, und die Stadt durch das Gesetz neu gelesen werken kann und bewertet wird.
Das jüdische Gesetz verbietet eine ganze Reihe von Arbeiten am Sabbat, formelle Beschäftigungen genauso wie Reisen, Geldausgeben, und auch das Tragen von Gegenständen außerhalb der Wohnung. Bewegung im öffentlichen Raum ist am Sabbat massiv eingeschränkt durch Gesetze, die sowohl in der Bibel wie auch im Talmud festgeschrieben sind. Bewegung und das Tragen von Gegenständen im privaten Bereich sind jedoch nicht eingeschränkt. Das Gesetz ist an Raum gebunden, und wenn die Definition von Raum sich ändert, so tut dies auch das Regelwerk und die Handlungen die daraus resultieren. Wenn man einen urbanen Raum zu einem privat Raum umformt, nach den Regeln des Eruvs, dann wird Bewegung und Tragen innerhalb dieses Raumes möglich. Definiert man den Raum neu, so definiert der Eruv das in ihm erlaubte Verhalten neu, womit er den Beinamen 'the magic schlepping circle' erhielt.
Der Eruv verändert die gegenwärtige Lesweise und Bedeutung des Privaten und des Öffentlichen in der urbanen Landschaft. Öffentlicher Raum ist nicht der Raum für Austausch und Aktivität, sondern ein restriktiver Raum der Beschränkung. Privater Raum, wenn ausgedehnt um den an sich öffentlichen Bereich einzubeziehen, wird zum Raum der Befreiung und Interaktion. Im Falle des Eruvs macht er keinerlei Änderung der Eigentumsverhältnisse erforderlich. Der Raum ist symbolisch privat, in Bezug auf das jüdische Gesetz, aber hinsichtlich des Zivilrechts bleibt er öffentlich.
Sicher ist es absurd und irrational zu glauben, dass unser Leben durch die Anwesenheit einer Schnur verändert wird, aber es ist noch absurder und irrationaler, dagegen anzugehen.
Der Bauantrag für den Nord-London Eruv, der am 3. August 1992 beim Gemeinderat von Barnet eingereicht worden war, machte eine wichtige Unterscheidung zwischen dem Eruv als religiösem Konzept und den Pfählen und der Schnur, die als tatsächliche Objekte errichtet werden müssen der einzige Teil des Systems, der wirklich einer Erlaubnis bedurfte. Diese Tore machten nur einen kleinen Teil der Eruv-Begrenzung aus, weniger als 1,3 km2 von 28,5 km2 des gesamten Umkreises. Der Bauantrag wurde vom Public Works Committee (PWC), das sich mit städtischen öffentlichen Arbeiten wie Straßenlaternen, Müllabfuhr usw. beschäftigt, untersucht und mit einer Empfehlung zur Genehmigung an den Stadtplanungsausschuss weitergeleitet. Der Ausschuss reagierte auf den öffentlichen Aufruhr und wies den Antrag mit der Begründung ab, der Eruv würde eine Störung der visuellen Qualität städtischen Raumes verursachen. Am 27. Oktober wurde dem Staatssekretär für Umwelt und Raumplanung ein Einspruch gegen Nicht-Beschluss vorgelegt. Eine öffentliche Anhörung folgte, die allen Seiten die Möglichkeit gab, Einspruch einzulegen und ihre Argumente vorzubringen. Schließlich, mehr als sechs Jahre, nachdem Mitglieder der Ner Jisraël Gemeinde die Grenzziehung mit ihrem amerikanischen Berater ausgearbeitet hatten, verkündete das Ministerium für Umwelt und Raumplanung, dass der Inspektor eine Genehmigung des Projektes empfahl. Am 20. September 1994 bestätigte der Staatssekretär für Umwelt und Raumplanung, John Gummer, diese Empfehlung unter der Voraussetzung, dass es keine ersichtlichen rechtlichen Schwierigkeiten in Verbindung mit der Errichtung der Pfosten in den gewählten Grundstücken gäbe.
Das Planungsrecht untersucht lediglich physikalische Strukturen und deren materiell messbare Auswirkung. Eine Diskussion über das Wesen eines Eruvs kam während der Besprechungen und Beratungen nie auf. Die Ablehnung und deren endgültige Aufhebung, ebenso wie die Gründe dafür und dagegen, betrafen alle die Struktur und die Form der bezeichnenden, der Zeichen-setzenden Elemente. Inzwischen hatte die Kette der Signifikanz ihre ursprüngliche Bedeutung verloren: so wie in der Evolution einer Sprache der Ursprung eines Wortes im Alltagsgebrauch nicht mehr ersichtlich ist. In der Praxis verlässt sich der Eruv um eine Autorität zu erzielen nicht länger auf die kollektive Erinnerung, die sich wiederum von der religiösen Autorität herleitet, welche ihrerseits teilweise den Ursprung des Eruvs gar nicht kennt. Die Zeichen selbst wurden zum Wesentlichen in der Praxis und zirkulieren frei mit allen anderen urbanen Symbolen. Das Hier und Jetzt des Alltags Gebrauch, Form und Auswirkung des Eruvs bildete den Kernpunkt der Debatte.
Ich will nicht, dass mein Haus ein Teil einer antiken Mauer wird.
Warum ist der Eruv für die Öffentlichkeit so problematisch? Zum Teil auf Grund der offensichtlichen Tatsache, dass eine Minderheit innerhalb der Stadt vorschlägt, einen Aspekt der Bedeutung und des Gebrauchs von öffentlichem Raum und der in ihm befindlichen Objekte zu bestimmen. Anders als die meisten religiösen Praktiken, die üblicherweise im privaten Raum stattfinden, trägt der Eruv seine Rituale und Zeichen in den öffentlichen Bereich.
Die Leute können und sie tun es dagegen protestieren, Träger von Bedeutungen zu sein, die ihnen nichts bedeuten, und sie nutzen Gründe hinsichtlich dem ästhetischen Erscheinungsbild der Stadt oder ihrer Straßen als Vehikel, um ihre Missbilligung auszudrücken. Aber dahinter steht die Tatsache, dass die Bewohner einer Stadt oft Eigentumsrechte mit Rechten ihrer Signifikanz verwechseln; so beispielsweise, wenn ein Beschwerdeführer die Idee zurückweist, dass die Fassade seines Hauses Teil der 'Mauer' [des antiken Tempels] werden soll. Seine Fassade gehört ihm allein und kann nicht von einer anderen Glaubenspraxis vereinnahmt werden. Der Eruv erweitert seine Grenzen und Geographie zu anderen Strukturen, Strassen und Objekten, die den Raum des privaten Eigentums mit den öffentlichen Zeichen einer fremden Glaubenspraxix zu verunklären drohen. Aus der Sicht eines Stadtbewohners ist das Problem hier der Gedanke, dass des Engländers Heim sein Schloss ist. Der Einspruch dagegen, ein Teil der Eruv-bezeichnenden Kette zu sein, ist nichts anderes als die Ansicht aus dem 19, Jahrhundert, nach der ein Eigentümer eines Hauses auch Eigentümer des photographischen Bildes dieses Hauses. ist. In der Tat schließt der Gebrauch von Objekten und Raum als Symbole keinesfalls deren Umdeutung durch eine andere Gruppe aus.
Im Falle des Nord-London Eruvs erschwerten unterschiedliche Auffassungen von Raum und Gebiet, Eigentum und Bedeutung der Öffentlichkeit, sich in einen Pluralismus zu begeben, wo Objekte und Räume und deren Nutzung abhängig sein könnten von mehr als nur einer Lesart, so wie in dem Fall, wo vorgeschlagen wurde, dass die Mauern einer Kirche einen Teil des Umkreises vom Eruv bilden sollten. Dennoch wäre es falsch vorzuschlagen, dass der Eruv eine Art von Bezeichnungs-Imperialismus verfasst, denn es es gerade der Imperialismus, der darauf besteht, dass ein Objekt nur eine Bedeutung haben kann, und dass eine Grenze von jedermann in gleicher Weise beachtet werden muss. In der vielsprachigen, multikulturellen Stadt müssen Lesarten von Raum und Ort nicht mit einem Gebiet und einer bestimmten urbaner Organisation zusammenhängen. Der Akt der gemeinschaftlichen Auslegung bringt dem urbanen Gewebe eher einen Zuwachs an Bedeutung, denn eine Verminderung. Im Kern dieses Problems liegt nicht die Frage der Belegung eines urbanen Raumes mit einer obskuren religiösen Praxis, sondern eher die Bereitschaft der städtischen Autoritäten, die Stadt als Ort verschiedenartiger, und sich widersprechender Lesarten zu billigen.
Der Eruv ist die rituelle Wiederherstellung eines verlorenen Ortes, gerahmt als Gesetz und verkörpert als Buch. In der Diaspora war er deshalb nie eine bestimmte urbane Stätte, aber ein Mittel zur Standortbestimmung. Er verbindet als ein Angebot das alltägliche Leben und die öffentliche Politik einer Gruppe der Nord-Londoner Vorstädte mit Angelegenheiten, die jüdischem Leben und jüdischer Identität eigen sind. Der Londoner Eruv bietet ein Zeichensystem, das Straßenmobiliar und andere profane Elemente in dem Gebiet neu bewertet und in der Tat heiligt und sie lesbar macht hinsichtlich des verlorenen Tempels in Jerusalem. Indem man den Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Bereich am Sabbat eliminiert, bringt der Eruv für die jüdische Gemeinde soziale Befreiung und eine Zunahme der Nutzung der öffentlichen Sphäre und der Interaktion in ihr.
Der Eruv schlägt Eingriffe in die Stadt vor, die kleinmaßstäblich, strategisch und größtenteils nicht-materiell sind. Seine Vorgehensweise zeichnet sich eher durch Entscheidungen über Lesarten der Stadt aus, als die Stadt neu aufzubauen, so dass sie nochmals gedeutet werden kann. Somit schafft der Eruv ein Model für eine pluralistische Nutzung der Stadt, die nicht ausschließt, das ein und dasselbe Objekt auf mehrere Arten gelesen werden kann. Er wendet sich gegen den Gedanken der fundamentalen Gleichschaltung einer Funktion mit einem Objekt, oder einer Bedeutung mit einem Objekt. Als solcher stellt der Eruv einen Beitrag zum zeitgenössischen Stadtleben dar. Lässt man seine religiösen Ursprünge in der talmudischen Auslegung außer Acht, so kann der Eruv die westliche Stadt durchaus etwas lehren hinsichtlich der Ökonomie von Bezeichnungen, Begrenzungen, und der Unterscheidung zwischen Drinnen und Draußen einerseits, und der Knappheit von Gebäuden und Land andererseits.
Wenn die Stadt ein Buch ist, ist Gehen Lesen. Wenn die Stadt ein Buch ist, ist Gehen auch Schreiben.
Der Eruv erschafft eine moderne urbane Form und einen ebensolchen Zustand aus dem Gegensatz heraus, der im Talmud zwischen dem Tempel und der Wüste gesetzt worden war, und definiert vorübergehend die auf sie bezogenen Gebiete. Das Konzept des Tempels entspricht einem symbolischen urbanen "privaten" Raum innerhalb der Homogenität der urbanen Wüste, die jeder Bezeichnung entbehrt. Solch eine Lesart wird ermöglicht durch die Art, wie der Talmud die Stadt definiert: Er nimmt an, dass die Stadt nicht nur in ihrer physischen Verkörperung existiert, sondern dass ihre materiellen Elemente immer auf etwas anderes verweisen. So verbindet der Eruv zwei Städte - eine, die wahrzunehmen und greifbar ist, die andere ästhetisch ideal. Der Stadtbewohner entspricht der Stadt, in der er lebt. Er entziffert, muss aber auch jedes neue Deutungssystem mitschreiben. Eine zweite metaphorische oder "mobile" Stadt wird durch den Akt des durch-die-Stadt-Gehens über die existierende Stadt gelegt.
Die Effizienz des Eruvs liegt in der Wirtschaftlichkeit seiner Bauweise, denn er basiert auf der großen Anzahl bereits in der Stadt existierender Elemente. Der Eingriff erscheint im Wesentlichen zwischen den physikalischen Elementen und deren Bezeichnung, dem Raum und dessen Gesetzen und Programm.
Aus der Wüste der modernen Stadt erzeugt der Eruv den Tempel, zeitweilig, entweder mit einer gespannten Schnur oder in Stein gebaut stellt er die Grenze und den Nutzen, mit dem das Material und das Metaphorische einander in der Stadt begegnen. Er registriert in der sichtbaren Welt das Ergebnis einer Begegnung, die anderenfalls ungreifbar bliebe.
Die Autoren möchten sich bei Mark Cousin, und Alan Astro, Joseph M. Chaves, Rabbi Herschel Glück, Brian Hatton und Mary Wall bedanken.
M Herz ©