Legale / Illegale Architektur
Die Bebauung einer Baulücke im Kölner Süden.
(Projektbeschreibung zum Bauprojekt "Legal / Illegal", 2003)
1. Bayenthal ist ein Stadtteil in Unzufriedenheit.
Die Psychose eines Stadtteils zu erkennen ist ein Arbeiten an den Symptomen. Diese Symptome machen sich an Gebautem sichtbar, aber auch am Nichtgebautem; in dem kleinem Maßstab eines Gebäudes und dem größeren Maßstab des Städtischen und der Stadtstruktur. Und sie sind eingeschrieben in die Regeln und Vorschriften, die die Entwicklung dieses Stadtteils bestimmen. Bayenthal ist ein Stadtteil in Unzufriedenheit. Südlich der ehemaligen Kölner Stadtgrenze gelegen, wurde es in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gegründet und später dann, in den achziger Jahren des selben Jahrhunderts im Rahmen einer großen Gebietsreform in Köln eingemeindet. Die Gründung Bayenthals und sein erster wesentlicher Entwicklungsschub geht zurück auf seine erste Unzufriedenheit, die höchst produktive „industrielle Eifersucht.“
Während in England die Stahlwerke kochten, fauchten, hämmerten und das Inferno aus der Tiefe der Erde an seine Oberfläche hervorbrachten, war es in Preußen noch sehr friedlich. Deutschland war auf dem internationalen Stahlmarkt ein Entwicklungsland, höchst uneffizient und mit neuster Technik unvertraut. Herr Mevissen, Kölner Spekulant und Industrieller, trachtete diese zu ändern und gründete eine Aktiengesellschaft „Kölner Maschinenbau AG“, die den neusten Stand der Produktionstechnik an einem neuen Standort auf großzügigem Gebiet außerhalb Kölner Stadtgrenzen aufbauen sollte. Im Aufsichtsrat befanden sich unter anderem die Oberhäupter der immer noch bedeutenden Kölner Familien Oppenheim, vom Rath und Rautenstrauch. Der Kapitalbedarf war für damalige Zeiten gewaltig, die Aktiengesellschaft das richtige Finanzierungswerkzeug, und die Fabrikanlagen auf einem ca. 18.000m2 großen Grundstück innerhalb weniger Jahre errichtet. Mit der günstigen Lage am Rhein und von einflußreichen Männern geführt wurde das Unternehmen zu dem bedeutensten Stahlbetrieb des Rheinlandes und realsierte Prestigeobjekte wie mehrere Rheinbrücken, die Dachkonstruktion des Kölner Doms zu seiner Vollendung, die Dachkonstruktion des Kölner Hauptbahnhofes und die Stahlkonstruktion des Kölner Flora, die, hier wieder die Eifersucht als Moment, den Londoner Crystal Palace als Vorbild nahm und ihm nacheiferte, und erstaunlicher Weise relativ nah an seine Großartigkeit heranreichen konnte. Diese Fabrik, die natürlich in ihrer fast hundert-jährigen Existenz viele Höhen und Tiefen durchschritt, hat das gesamte Stadtviertel städtebaulich bis zum heutigen Tage geprägt.
2. Unzufriedene Bürger
In Bayenthal lebte eine sehr eindeutige Zwei-Klassengesellschaft, zum einen die führenden Angestellten und Ingenieure der Fabrik, zum anderen die Arbeiter. Die Inhaber wohnten nicht weit entfernt, in dem angrenzenden Villen-Vorort Marienburg. Die schlechten Wohn- und Arbeitsverhältnisse erzeugten die zweite Art der Unzufriedenheit, die „architektonischer Rastlosigkeit“. Natürlich waren die Lebensverhältnisse in einem typischen Arbeiterwohnviertel von Enge und Mangel geprägt. Laut damals gültiger Zählweise galt eine Wohnung als überbevölkert, sofern jedem Familienmitglied weniger als 10 m3 Luftraum zur Verfügung stand, durchschnittlich 3 - 4qm Bodenfläche. In den normalerweise 30qm großen Wohnungen konnten also, Kinder eingerechnet, über 10 Personen wohnen, wobei viele davon Fremde und Untermieter, Teile einer wandernden Bevölkerung waren. Die Stadt-interne Migration war groß. In Bayenthal war sie besonders groß: die Hälfte aller Familien zog jedes Jahr mindestens einmal um. Die stadt-internen Wanderarbeiter streiften mit Hab und Gut durch die Bayenthaler Straßen auf der Suche nach einer nächsten qualvollen Wohnung.
Natürlich war dies zum großen Teil auf das damalige Spekulantentum zurückzuführen. Denn nur wenige Meter von den engen Gassen entfernt lagen große Flächen brach, die die Fabrik ursprünglich für mögliche Expansion erworben, jedoch nie benötigt hatte. Bayenthal war weniger ein Stadtteil als ein großes Spekulationsobjekt. Im wesentlichen bestand es aus drei Teilen: Die metallverarbeitende Fabrik und weitere Industrie beanspruchte den größten Raum des Stadtteils und reichte mit ihrem Gebiet bis an den Rhein. Die zweite Art der Nutzung war das Wohnen, auf extrem beengten Raum, beengt unter künstlichen Methoden, denn die dritte Art der Nutzung war der „Nichtnutz“, die privatisierte Brachfläche. Erst durch diese Brachfläche wurde ein Mangel an Wohnraum erzeugt, der sich in überhöhten Preisen der Wohnungen, teurem Mietzins und hoher Rendite äußerte. Die Brachfläche hatte also wichtige städtebauliche Funktionen zu übernehmen, weniger in Form von Qualität und Freiraum, sondern in ihrer Aufgabe einen Mangel zu erzeugen, und diesen dann betriebswirtschaftlich nutzen zu können.
Natürlich ist diese Konstruktion des Mangels ein fragiles System, da es von Faktoren wie Grundstückspreisen, Bevölkerungsentwicklung, wirtschaftlichen Erfolg des produzierenden Gewerbe und Lokalpolitik abhängig ist. In den späten neunziger Jahren des neunzehnten und den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts änderte sich diese Situation des Mangels in Bayenthal sehr schnell. Die Investoren, die in Marienburg, dem südlich von Bayenthal angrenzenden Villenviertel lebten, erkannten, daß die Umwandlung von Brachfläche in bebaubare Fläche, das Veranlassen eines Bebauungsplans für eine Brachfläche, den Grundstückswert stark steigerte. So wurde Grund und Boden zu einer sehr mobilen Handelsware. Brachflächen wurden nach und nach aufgekauft, ein Bebauungsplan erstellt und mit hohem Gewinn weiterverkauft. Das Interesse lag nicht an der städtischen Entwicklung selber, sondern in der Veränderung der städtischen Konditionierung, die einen Wertewandel verursachte. Diese damals neue Geschäftsidee traf zusammen mit einer Rezession der deutschen Stahlwirtschaft in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, von der die Fabrik in Bayenthal stark betroffen war. Unter finanziellen Druck stehend wurde sie veräußert und die Brachfläche, die bislang den städtebaulichen Mangel erzeugt hatte, in bebaubare Fläche umgewandelt und letztendlich mit kleineren Wohnhäusern bebaut. Dabei wurde sehr deutlich auf ein Wohlstandsgefälle geachtet, so daß die Villen in Marienburg immer um mindestens eine Dimension größer zu sein hatten als die neu gebauten „Kleinst-Villen“ in Bayenthal.
Diese Zwischenstufe, die Bayenthal ob seiner Investoren einzunehmen hatte, bestimmte das Bild und den Charakter des Stadtteils bis in die heutige Zeit. Eingeklemmt zwischen dem Villenviertel Marienburg und dem Arbeiterviertel der Kölner Südstadt ist Bayenthal ein Viertel ohne Eingenschaften geblieben, weder wirklich industriell, noch Wohnviertel, weder von einer Unterschicht geprägt, noch wohlhabend. Von allen Innenstadt-nahen Gebieten von Köln, ist Bayenthal vermutlich dasjenige, welches am wenigsten Identität hat, dasjenige welches am stärksten sich der Klassifizierung verweigert. Von Spekulanten bespielt und als Ware genutzt und von einer städtebaulich überdimensionierten Fabrik stranguliert, hatte es nie die Möglichkeit eine solche Identität zu entwickeln. Die Maschinenbaufabrik, die zwischenzeitlich von der BAMAG (Berlin-Anhaltische Maschinenbau AG) übernommen wurde, schloß erst 1968 ihre Tore und wurde abgerissen. Es blieb allerdings nur für sehr kurze Zeit ein Vakuum an ihrer Stelle, denn wenig später errichtete ein große deutsche Versicherung, die Allianz AG, ein Wohnpark mit weit über 1000 Wohneinheiten. In Bezugnahme auf den „Genus Loci“, die zuvor dort gestandene Fabrik, werden die Bauten mit dünnen Ziegelstein-Imitationen (Ziegelstein = Industrie) beklebt.
Die unzufriedene Stadt
Anfang der siebziger Jahren wurde für Bayenthal ein Bebauungsplan aufgestellt, der bislang noch kein einziges Mal angewandt worden ist. Es war eine Totgeburt; der verzweifelte und vollkommen fehlgeleitete Versuch auf ein damals aktuelles städtisches Problem zu reagieren: die Stadtflucht. Seit den sechziger Jahren zogen vermehrt junge Familien aus der Stadt in die angrezende Provinz, um sich den Traum der aufstrebenden Wohlstandsgesellschaft zu erfüllen, das Haus mit Garten und Garage.
Der Traum der jungen Familien war der Albtraum jeder Stadt! Dringend erforderliche Steuergelder blieben daraufhin aus und die kommunalen Ausgaben gingen nicht zurück, sondern stiegen nur auf Grund von erhöhtem Verkehrsaufkommen. In den Jahren 1950 bis 1970 sank die Bevölkerungszahl von Bayenthal von ihrem historisch höchsten Wert von 8200 bis auf knapp über 6000 ab, was einem Rückgang von über 25% entspricht. In die Enge getrieben, sah sich die Stadt nach möglichen Reaktionen um und ersann ein Kuriosum: Um zu verhindern, daß die jungen Familien auf das Land ziehen, muß eben das Land in die Stadt kommen. Und diese Strategie ließ sich am besten mit Hilfe eines Bebauungsplanes umsetzen, Bebauungsplan Nr. 68419/02 vom 17.08.1970. In seiner bürokratischen Weise dargestellt, und mit Blick auf das deutsche Kleinbürgertum formuliert, war es vielleicht die radikalste Vision einer städtischen Veränderung, die Bayenthal jemals erfahren sollte. Die Goltsteinstraße, die dominierende Straße von Bayenthal, sollte die Straßenbahn verlieren, die seit der Jahrhundertwende die südlichen Stadtteile erschlossen hatte, und daraufhin die Straße komplett zurückgebaut werden. Die Straße sollte in ihrer Breite verdoppelt werden und die Bebauungsdichte auf weniger als die Hälfte reduziert werden, mit einer starken Gewichtung von Einzelhäusern. Jegliche ausschließliche Büronutzung, Gastronomie, Einzelhandel oder die Nutzung durch produzierendes Gewerbe wurde untersagt, und die maximale Höhe auf Grundlage des sehr niedrigen erlaubten Bebauungsmaß faktisch auf anderthalb Geschosse beschränkt. Durch diese neuen Vorschriften sollte die Vorstadt in die Stadt ziehen, damit die Familien nicht mehr in die Vorstadt ziehen.
In keinem einzigen Fall wurde dieser Bebauungsplan, diese Vision des Dörflichen inmitten des Städtischen, angewendet - obwohl er bis heute gültiges Recht ist - da zwei fundamentale Aspekte bei seiner Aufstellung mißachtet wurden: erstens waren die meisten Häuser entlang der Goltsteinstraße erhaltenswert bzw. standen unter Denkmalschutz und durften somit nicht abgerissen werden, so daß ein Rückbau der Straße gar nicht möglich war. Des weiteren war die vorgeschriebene Bebauungsdichte so niedrig angesetzt, daß im Falle eines Neubaus nur ein Verlust zu erwirtschaften war. Somit war dieser Bebauungsplan in der Geschichte Bayenthals der erste Bebauungsplan nach dessen Aufstellung die Grundstückspreise einen dramatischen Einbruch erlitten. Es war der „Anti-Grundstücksspekulanten“- Bebauungsplan par excellence.Der unzufriedene Bauherr und der unzufriedene Initiator
Entlang der Goltsteinstraße, in Mitten des Gebietes gelegen, das durch den Bebauungsplan betroffen war, liegt ein Grundstück, daß mit einer anderthalb-geschossigen Lagerhalle bebaut war. Entlang der Straße befindet sich eine unter Denkmalschutz stehende Tordurchfahrt. Der Bauherr, ein kleinerer Projektentwickler, der früher Mathematik studiert hatte und seit einigen Jahren, den Beruf zuvor gewechselt, Mehrfamilienhäuser baute und die Wohnungen verkaufte, hatte das Grundstück in einem Kombinationsgeschäft vor einigen Jahren von einem Kunsthändler der in einem angrenzenden alten Industriegebäude eine Galerie hat, erworben. Das im Kaufvertrag damit verbundene Grundstück lag einige Straßen weiter und war schon erfolgreich abgewickelt worden. Das an der Goltsteinstraße gelegene Grundstück bereitete allerdings Schwierigkeiten. Von einem größeren Generalunternehmer hatte sich der Bauherr einen architektonischen Entwurf und ein Angebot über Baukosten machen lassen. Daraus war ersichtlich, dass mit diesem Konzept, eine standardisierte Architektur von durchschnittlicher Qualität, die obendrein nicht genehmigungsfähig gewesen wäre, sich nur ein Defizit erwirtschaften ließe, denn der Kaufpreis für das Grundstück plus die Baukosten summierten sich auf einen höheren Betrag als sich durch die ca. 300 qm verkaufbare Fläche multipliziert mit einem durchschnittlichen Verkaufspreis, erzielen ließ. Mit anderen Worten, dass Grundstück war nicht bebaubar.
Es blieb nur noch eine Möglichkeit, so abgeneigt der Bauherr dieser auch gegenüber stand: Architektur! Würde man etwas mehr Geld in „interessante Architektur“ investieren, so könnte man eventuell überproportional mehr im Verkaufspreis erwirtschaften und dadurch das Projekt finanziell ohne Defizit abschließen. Diese Entscheidung, aus reiner Kosten-Nutzen-Berechnung heraus gefällt, ohne jegliche emotionale Bindung, ergab die beste Vorraussetzung für das Projekt. Der Kunsthändler, der mit einer beständigen Nörgelei ohnehin eine standardisierte Architektur unmöglich gemacht hätte brachte den Bauherren mit dem Architekten zusammen. Die zweite Vorraussetzung, die dem Projekt, und letztendlich dem Entwurf zu Gute kam, war die Tatsache, dass der Bauherr nicht Architekt sein wollte. Er sagte sehr ausdrücklich, dass er die Eigenschaften dazu nicht habe und somit war die Aufgabenteilung eindeutig geklärt.
Der Entwurf
Die 5.50m breite, und 25m tiefe Baulücke, in Kombination mit allen Vorschriften, Abstandsregeln, Brandschutzanforderungen und dem unter Denkmalschutz stehenden Torbogen definieren einen relativ eindeutigen Baukörper. Form follows Law! Diese Ausgangssituation ergibt den ersten Baukörper: Ein transparenter (von gleicher Luzidität wie das Gesetz, wie Kafka einmal sagte) orthogonaler Körper, der sich zum Schutze bzw. aus Respekt vor der Historie ein Meter zurücksetzt, und damit auf die, im Bebauungsplan zurückgesetzte vordere Baulinie reagiert, alle Brandschutzanforderungen und Abstandsregeln einhält und genau die Fläche bildet, die laut Bebauungsplan und Geschossflächenzahl gestattet ist. Da eine komplette Überbauung nach Bebauungsplan und Stadtplanungsamt natürlich nicht zulässig ist, bildet er im hinteren Gründstücksbereich durch abgetreppte Höhenstaffelung Terrassen auf jeder Ebene. Es ist der brave Baukörper, der jedes Gesetz und jede Regelung einhält und durch sie geformt ist. Der „Legale“ Baukörper.
Der zweite Baukörper wird geformt durch andere Maßgaben. Es ist der trotzige Körper. Wieviele Regeln können missachtet werden an einem, von Regeln dominierten und extrem beschränkten Ort. Zu aller erst dürfte es diesen Baukörper gar nicht geben, da er in seiner gesamten Fläche die laut Bebauungsplan zulässige Baumasse komplett überschreitet. Dementsprechend ist er in sich illegal. Als frei geformter und hauptsächlich verschlossener Körper bahnt er sich seinen Weg vom Straßenniveau durch das Tor und durch das orthogonale transparente Gegenstück hinauf in die oberen Etagen, und schaut mit seiner Hauptmasse von den oberen Ebene zurück auf die Straße, dadurch einen Umschwung um das Tor machend. Seine Glubschaugen schauen auf die Straße, in den Himmel und auf die rückliegenden Terrassen- und Hofflächen. Von jeder einzelnen Fläche des segmentierten frei geformten Baukörper fallen entweder Abstandsflächen auf die benachbarten Grundstücke oder die Abstandsflächen sind nicht berechenbar, da die Formeln sich für die Form nicht anwenden lassen, Brandschutzregeln werden nicht eingehalten, und der Baukörper rückt wieder ganz an die Straße heran, die geltende Baulinie dadurch mißachtend. Es gibt keine einzige aufrecht stehende Wand und die Unterscheidung zwischen Wand, Dach und Decke, die fundamentalen Kategorien von Bauteilen in der Architektur, wird aufgehoben. Er wird mit einem Polyurethan-Belag beschichtet, die ein “detail-loses” Bauen ermöglicht, ohne Unterscheidung auf Wänden, Deckenuntersichten sowie Dachflächen aufgebracht werden kann und so den Baukörper wie eine Haut überzieht. Jedes Gesetz mißachtend ist er der „Illegale“ Baukörper. Zusammengesetzt ergeben sie das Gebäude. Nach 18 Monaten Bearbeitungszeit wird dem Bauantrag, mit dem Argument der städtebaulichen Qualität und nach vielen Verhandlungen, ohne Einwände zugestimmt. (Damit überschreitet er die gesetzlich vorgeschriebene maximale Bearbeitungszeit um das sechsfache.)
Architektur in Bayenthal
Was will diese Architektur in Bayenthal? Das Gebäude ist Ausdruck und reagiert auf die städtebauliche Situation von Bayenthal. Immer Spielball von spekulativen Interessen gewesen und daher nicht an sich selber denkend, eine eigene Identität aufbauend, bringt das Gebäude einen Fremdkörper in die urbane Struktur, die dafür aber aufnahmebereit ist. Es geht komplett an die Grenzen des Grundstücks, beziehungsweise darüber hinaus, in seiner Auslastung, in seinen Maßen, in der Komplexität und der Materialität. Es überlastet das Grundstück in gewisser Weise, geht rabiat mit ihm um. Vielleicht ist es auch nur eines dieser architektonischen Interventionen, die nicht im Interesse des Stadtteiles liegen. Vielleicht genügt es sich nur selbst. Aber in all diesen Überlegungen bringt es die ökonomische Situation, die Konstellation der Gesetze und Vorschriften und die soziokulturelle Eigenschaften des Stadtteiles in einer gebauten Form zum Ausdruck. So fremd der Baukörper wirken mag, umso realer bezieht er sich auf die Historie und den derzeitigen Zustand des Stadtviertels und versucht aus dieser Ausgangslage eine Bereicherung des näheren Umfeldes zu erzeugen - und dieses Umfeld natürlich, wie es Bayenthal gewohnt ist, als Kapital zu begreifen.
M Herz ©