Schwedischer Pass mit deutschem Akzent
(veröffentlicht in: Erinnerungsbilder, DuMont Verlag, 2002)
Ende Oktober 1993, während meines Studiums in London, saß ich mit einer sehr attraktiven und intelligenten libanesischen Kommilitonin in einem feinen Londoner Restaurant. Ich hatte mein erstes „Date“ mit ihr und war auf der Suche nach Gesprächsstoff. So erzählte ich ihr, dass ich auf der letzten Studienreise in Rotterdam meinen Pass verloren, große Schwierigkeiten bei der Einreise nach England gehabt hatte, und seit einem Tag wieder einen neuen schwedischen Pass besitzen würde. Voller Erstaunen fragte sie mich warum ich denn keinen deutschen Pass hätte, was ich natürlich vehement von mir wies. Das fand sie ziemlich lächerlich, da ich doch fast mein ganzes Leben in Deutschland verbracht hätte, dort zu Schule gegangen wäre und kaum ein Wort Schwedisch sprechen würde. Ich fühlte mich in meinem eigenen Grundverständnis missverstanden, etwas verletzt, und so wurden die wenigen Jahre, die ich im Ausland gelebt hatte sehr wichtig, fast wichtiger als die mehr als zwanzig Jahre, die ich in Köln verbracht hatte. Und Englisch beherrsche ich genauso gut wie Deutsch. Ach was, erwiderte sie etwas genervt, ich hätte schließlich einen recht starken deutschen Akzent. Ich weigerte mich auf Grund eines „zufälligen“ Aufwachsens in Deutschland diese Identität zu akzeptieren, meinte, dass sie das sowieso nicht verstehen könnte, und die Unterhaltung entwickelte sich zu einem lautem Streit. Die Gäste schauten uns an. Der Kellner kam und bat uns ruhig zu sein und meinte schließlich wir hätten das Restaurant zu verlassen wenn wir nicht aufhören würden.
Natürlich hatte sie irgendwie recht. Aber mein Stolz erlaubte es mir nicht das zuzugeben. Ich war fast mein ganzes Leben in Deutschland aufgewachsen, ohne wesentliche Probleme meiner Religion wegen zu erfahren, war mittelmäßig engagiert im jüdischen Gemeinde- oder Studentenleben und besuchte die Synagoge selten. Meine Eltern Mutter Israelin, Vater Schwede hatten mich relativ erfolgreich dahingehend erzogen, dass ich zu Deutschland keinen emotionalen Bezug empfand und es nie als meine „Heimat“ bezeichnen würde. Aber es lebte (und lebt) sich nicht schlecht in diesem Widerspruch, der sich durch meinen Pass in Deutschland geboren, schwedische Staatsangehörigkeit, in London ausgestellt bildlich darstellt.
Es gibt noch einen zweiten Aspekt dieser Geschichte. Er wirft Fragen nach Identität und der Definition von Ort und Heimat auf. Im jüdischen Denken entwickelt sich der bestimmte Ort, der Ort, der einem vielleicht so etwas wie Heimat bedeuten kann, immer aus der Bewegung heraus - das Gebot zur Zerstreuung, die Flucht aus Ägypten, die Diaspora und der Talmud - und ist nicht an eine festgeschriebene geografische Stelle gebunden. Das kann von großem Vorteil sein und es unterlegt die jüdischen Religion mit einer Qualität des Kosmopolitischen, der Globalisierung avant le lettre. Dem jüdischen Volk liegen sehr interessante und effektive Methoden bereit, überall auf der Welt und mit wenigen Hilfsmitteln manchmal mit einem Buch, mit einigen weiteren Menschen oder mit kleinen Gegenständen einen heiligen Raum zu schaffen. Ich glaube, dass dieses Denken, dass den geografisch und physikalisch festgelegten Ort nicht als absolut betrachtet, sondern manchmal eher als hinderlich, in den letzten Jahren und Jahrzehnten verloren gegangen ist. Das Denken, dass in dieser Form dem Judentum eigen und besonders ist, hat auch eine politische Relevanz und könnte eine politische Grundlinie definieren, die der gegenwärtigen Ideologie entgegengesetzt ist. Warum ist ein schlechtes Shopping Center weit außerhalb Jerusalems plötzlich ein Teil der „heiligen Stadt“ und muß daher umkämpft werden?
Die andere Frage ist die Frage nach der nationalen Identität, das heißt die Bindung einer Identität an eine Nation. Es scheint, dass die institutionalisierte Form in der diese Bindung festgeschrieben wird der Reisepass es nicht mehr vermag die Realität zu erfassen. So entstehen Diskussionen, wie erst kürzlich in Deutschland mit der völlig absurden Forderung die Anzahl der Staatsangehörigkeiten auf eine einzige zu limitieren. Die Frage ist eher, ob es überhaupt eine geben soll. (Obwohl ich mit meiner Schwedischen eigentlich sehr zufrieden bin.) Die Sprachverwirrung war keine Bestrafung einer Hybris sondern das Verhindern, das mit dem Turmbau zu Babel ein eindeutiges Zentrum und klare Einheit entsteht.
Auch wenn das erste „Date“ mit der Libanesin ziemlich katastrophal endete, folgten diesem Streit noch viele, viele weitere und es entwickelte sich daraus die große Liebe.
M Herz ©