- Jenseits des Camps - Angesichts des Israelisch-Palästinensischen Konflikts, der sich als ‚Versuchsanstalt' für extreme räumliche Zustände bewiesen hat, des Amerikanischen ‚War on Terror', sowie der jüngsten Ausschreitungen in den Ghettos französischer Vororte, konnte die Konferenz ‚Archipelago of Exception', die Aspekte der Souveränität und Extraterritorialität in räumlicher Perspektive untersuchte, zu keinem besseren Zeitpunkt stattfinden...
- Hofnarren - Kaum einem architektonischen Ereignis wird in Deutschland mehr Aufmerksamkeit zuteil als der Einweihung von Synagogen, jüdischen Museen oder Denkmälern wie dem jüngst eröffneten Holocaust Mahnmal. «Jüdische» Architektur ist einem Spannungsfeld von Interessen ausgesetzt und wird so zu einem Lackmustest der deutsch-jüdischen Beziehungen...
- Für einen neuen Brutalismus - In der Matrix der Begriffsfelder „Identität“ und „Architektur“, nimmt das englische Wort „vernacular“ einen zentralen Platz ein. Im Deutschen sehr unzulänglich mit „regional“übersetzt, beschreibt es im Kontext des Bauens eine tradierte Architektur, die sich aus einem kollektiven Bewusstsein bildet und durch externe Faktoren wie regional vorkommende Baustoffe, klimatische und geographische Bedingungen und - über Generationen - gewachsene Regelwerke geformt wird. „Vernakulare“ Architektur ist keine Architektur der großen Baumeister, sondern kommt aus dem Handwerk. Die Beispiele der Schwarzwald-Häuser, die „gestapelten“ Orte an den Hängen der Amalfi-Küste oder die marokkanischen Lehmdörfer, zeigen jenes Verhältnis von Identität und Architektur. Obwohl die Rahmenbedingungen, die diese Architektur formen, durchaus von politischer und rechtlicher Natur sein können, ist die „vernakulare“ Architektur keine politische Architektur. Da kein demagogisches oder ideologisches Interesse involviert ist, kann sie als a-politisch beschrieben werden...
- Zur Hölle mit der Synthese - Architekten sind heute auf die Rolle des Trottels festgelegt. Als Narren und tragikomische Figuren versuchen wir, mit Witz und Geschick unseren Auftraggebern, der Stadt und den Bauverordnungen zu entsprechen und gleichzeitig unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Mit aufgesetztem, gezwungenem Lächeln begegnen wir unseren Bauherren, wenn sie herablassend und fordernd des Architekten eigene Hymne singen, dass »gute Architektur nicht teuer sein muss«. Demütig beugen wir uns den städtischen Planungsämtern und nicken höflich zu ihrer Arroganz und Anmaßung, wenn sie den üblichen Gemeinplatz wiederholen, dass gute Architektur durch gesetzliche Einschränkungen noch nie verhindert worden sei...
- Legal / Illegal - Was will diese Architektur in Bayenthal? Das Gebäude ist Ausdruck und reagiert auf die städtebauliche Situation von Bayenthal. Immer Spielball von spekulativen Interessen gewesen und daher nicht an sich selber denkend, eine eigene Identität aufbauend, bringt das Gebäude einen Fremdkörper in die urbane Struktur, die dafür aber aufnahmebereit ist. Es geht komplett an die Grenzen des Grundstücks, beziehungsweise darüber hinaus, in seiner Auslastung, in seinen Maßen, in der Komplexität und der Materialität. Es überlastet das Grundstück in gewisser Weise, geht rabiat mit ihm um. Vielleicht ist es auch nur eines dieser architektonischen Interventionen, die nicht im Interesse des Stadtteiles liegen. Vielleicht genügt es sich nur selbst. Aber in all diesen Überlegungen bringt es die ökonomische Situation, die Konstellation der Gesetze und Vorschriften und die soziokulturelle Eigenschaften des Stadtteiles in einer gebauten Form zum Ausdruck...
- Zwischen Wüste und Stadt - Ein Vorort im Norden Londons scheint von einem bizarren Irrsinn ergriffen worden zu sein, begleitet von den Prophezeiungen offener Schlachten im Hempstead Heath und Warnungen vor einer ethnischen Spaltung im Bosnien-Stil. Unter all den Anträgen, die 1991 der Planungsabteilung im Londoner Bezirk Barnet vorgelegt wurden, ragte einer besonders heraus. Er schlug die Errichtung von annähernd 30 flToren’ vor, die aus je einem Paar Stahlpfosten bestehen und mit einer Angelschnur verbunden werden sollten. Über Straßenkreuzungen und zwischen Wänden und Zäunen angebracht, würden diese Tore die Lücken in einer fortlaufenden Grenze innerhalb Barnets schließen...
- 600.000 - Vor 3316 Jahren wanderten 600.000 israelische Männer mit ihren Frauen, Töchtern und Söhnen, auf der Suche nach einer neuen Heimat, aus Ägypten ostwärts durch die Sinai-Halbinsel und benötigten dafür 40 Jahre. Seitdem steht eine Ansammlung von 600.000 Menschen symbolisch für das Volk Israels, und damit auch für einen Zustand der uneingeschränkten Öffentlichkeit und der Allgemeinheit. Eigentlich ist die Zahl 600.000 eine kleine biblische Ungenauigkeit. Im ersten Kapitel des (mit „Numeri“ sehr treffend benannten) vierten Buchs Moses werden die Zahlen der Angehörigen der zwölf Stämme minutiös und etwas pedantisch aufgezählt: 46500 + 59300 + 45650 + 74600 + 45400 + 57400 + 40500 + 32200 + 35400 + 62700 + 41500 + 53500 = 603.550. Jenes Ergebnis wird auch im Anschluss an die Aufzählung als Summe genannt. Dennoch werden in der Bibel und im Talmud beide Zahlen, vermehrt aber die abgerundete (vermutlich ungenaue) Zahl von 600.000 zitiert...
- Schwedischer Pass mit deutschem Akzent - Ende Oktober 1993, während meines Studiums in London, saß ich mit einer sehr attraktiven und intelligenten libanesischen Kommilitonin in einem feinen Londoner Restaurant. Ich hatte mein erstes „Date“ mit ihr und war auf der Suche nach Gesprächsstoff. So erzählte ich ihr, dass ich auf der letzten Studienreise in Rotterdam meinen Pass verloren, große Schwierigkeiten bei der Einreise nach England gehabt hatte, und seit einem Tag wieder einen neuen schwedischen Pass besitzen würde. Voller Erstaunen fragte sie mich warum ich denn keinen deutschen Pass hätte, was ich natürlich vehement von mir wies....